Heute gegen 16.35 Uhr hat der Gilad-Schalit-Marsch sein letztes Ziel erreicht: Jerusalem. Ich habe in den Nachrichten davon gesehen und war gleich vor Ort, als die Leute aus Richtung Tel Aviv anmarschiert kamen.
Mit diesem Marsch hat es Folgendes auf sich:
Vor vier Jahren wurde der Wehrdienstleistende Gilad Schalit (damals 18) an der Grenze nach Gaza von der Hamas entführt und sitzt seitdem in irgendeinem Keller und wartet darauf, dass sich irgendwas tut. Für die Hamas ist er ein perfektes Druckmittel gegen Israel. Zur Zeit versucht die Terrorvereinigung und Regierung von Gaza mithilfe dieses Druckmittels unzählige (hunderte) gefangene Terroristen aus israelischen Gefängnissen freizupressen. Auch während des letzten Gazakrieges gelang es der israelischen Armee nicht, den Entführten zu befreien.
Der Vater von Gilad Schalit setzt sich seit Jahren nun schon dafür ein, dass die Regierung etwas tut. Er ist überzeugt, dass man seinen Sohn irgendwie freibekommen müsse. Und diese Überzeugung teilt mit ihm ganz Israel. Die Regierung tut ihr Bestes, um in dieser Sache voranzukommen. Deutsche Unterhändler sind an den Verhandlungen zwischen Israel und der Hamas beteiligt gewesen, aber die Verhandlungen wurden irgendwann abgebrochen. Der Auslöser des Protestmarsches war jedoch eine Rede des israelischen Premierministers Benjamin „Bibi“ Netanjahu, in der er sagte, dass man für Gilad Schalit „einen hohen Preis“ bezahlen würde, jedoch „nicht jeden Preis“. Und das war dem Vater und der ganzen Bewegung zu viel. Die Familie des entführten Soldaten startete einen Marsch, der nun nach 11 Tagen und 205 Kilometern sein endgültiges Ziel in Jerusalem erreicht hatte. Der Vater will hier jetzt so lange warten, bis er seinen Sohn wieder hat.
Ich habe den Einzug der Marschteilnehmer nahe der Central Bus Station mitverfolgt. Viele Fahnen, viel Musik, viel Gemeinschaft. Es wurde skandiert „Gilad habaita“ (Gilad nach Hause). Die Leute sind überzeugt, ihre Regierung müsse und könne mehr für Gilad Schalit tun. Doch im Vorfeld habe ich durchaus auch vereinzelte Demonstranten gesehen, die dagegen waren, jeden Preis für einen einzelnen Soldaten zu zahlen. Die waren aber in der Unterzahl. Im Gan haAtzma’ut (Unabhängigkeitspark) gab es dann einige Reden. Ein Redner hat unter anderem die Bedeutung dieses speziellen Ortes betont: In Israel gäbe es nur einen Menschen, der gerade unfrei sei, und das sei Gilad Schalit. Und der Premierminister müsse mehr dafür tun, damit sich das ändert. Aber alles in allem war diese Aktion nicht ganz so vorwurfsvoll der Regierung gegenüber wie man annehmen sollte. Es handelte sich weniger um einen Protest als um eine Solidaritätsbekundung gegenüber der Familie und dem als Geisel gehaltenen Soldaten selbst.
Die Polizeipräsenz hielt sich in Grenzen, die ganze Aktion lief durchweg friedlich ab. Wie kann es auch anders sein. Die meisten der israelischen Bürger stehen dem Vater des Entführten solidarisch bei. Das hat die Gesellschaft hier so an sich. Man hilft und unterstützt sich gerade in diesen Angelegenheiten. Und gerade auch, weil die meisten Israelis schon in der eigenen Familie miterlebt haben, wie Menschen im Krieg fallen oder als Invaliden zurückkommen.
Es ist nur erstaunlich, dass man in Europa so gut wie nie etwas von Gilad Schalit hört, wenn es um Fragen geht, die Gaza betreffen. Gerade nach dieser Schiffsaktion letztens wurden Stimmen laut, Israel solle doch endlich diese unmenschliche Seeblockade aufheben. Israel solle der Hamas gefälligst entgegenkommen. Hat irgendjemand mal die Stimme erhoben und gefordert, dass die Hamas endlich einen jungen Mann freigeben solle, der seit nunmehr 4 Jahren in Gefangenschaft sitzt und somit 4 der besten Jahre im Leben eines jungen Menschen verloren hat? Vielleicht sollten wir darüber mal nachdenken. Und vielleicht sollten wir fordern, dass Gilad Schalit aus seinem palästinensischen Kerker herauskommt, bevor Israel darüber verhandelt, wie viele Terroristen wieder auf freien Fuß gesetzt werden.
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