Mein neuestes Projekt für die nächsten (mir noch verbleibenden) Wochen: Das Westjordanland und die jüdischen Siedlungen abklappern und dabei soviele Eindrücke sowohl von israelischer als auch von arabischer Seite mitzunehmen.
Noch etwas zu Beginn: Ich hatte letztens mein Abschlussgespräch und habe erfahren, dass ich aufgrund vertraglicher Regelungen auch nach Ablauf meiner Hagoschrim-Zeit nicht in die A-Zone (also alles was unter palästinensischer Verwaltung ist: Ramallah, Betlehem, Nablus, HEBRON) reisen darf. Was mich jedoch wieder ermuntert hat: Ich wurde daran erinnert, dass man als Volontär ja trotzdem alles bereisen darf, was
nicht A-Zone ist. Dazu gehören jüdische Siedlungen und arabische Dörfer in der C- und B-Zone. Na wunderbar, dachte ich mir, und habe gleich mal ein paar Pläne geschmiedet.
Heute: Station Nummer 1 - Die jüdische Siedlung von Hebron, alles unter israelischer Verwaltung und nicht A-Zone.
Das war natürlich wieder einmal einfacher gedacht als es dann auch war. Der (gepanzerte) Bus fährt normalerweise bei uns in Gilo unten am Berg ab in Richtung Hebron/Kirjat Arba. Da steh ich auch pünktlich um 9:43 Uhr und habe auf die 160 gewartet. Der erste Bus hat Verspätung und durch irgendeinen dummen Zufall fährt der mir direkt vor der Nase dann doch weg. Der nächste Bus kommt, fährt aber heute nicht nach Hebron. Gut, denke ich mir, jetzt reichts. Ich bin lange genug in der Sonne gestanden. Geh ich zur Central Bus Station und fahre direkt von da. Und - wen wundert's - auch der Bus von da fährt nicht nach Hebron. Nach insgesamt zwei Stunden hin und her kommt dann doch tatsächlich eine 160 die auch wirklich nach Hebron fährt. Keine zwei Euro kostet die Fahrt (umgerechnet). Also los.
Der Bus hat Panzerglasscheiben, durch die man so gut wie nicht hinaussieht. Auch ist er mindestens eine Tonne schwerer als normal, deswegen schleppt er sich mühsam den Berg in Gilo hoch, um ihn auf der anderen Seite wieder hinunterzufahren. Hinter der Grenze zum Westjordanland klappert der Bus verschiedene kleinere Siedlungen ab. Irgendwann schlafe ich ein, weil ich zu spät ins Bett gegangen bin. Und als ich aufwache, kommen wir gerade in Hebron an.

Über den jüdischen Teil von Hebron findet man nur wenig im Internet und in den Reiseführern. Deswegen bin ich froh, dass mir ein Amerikaner aus Jersey den Weg in die Moschee zeigt, die die Gräber von Abraham und den anderen Stammvätern und -müttern des Volkes Israel beherbergt. Das uralte Gebäude ist aufgeteilt zwischen Muslimen und Juden. Durch die Gitter am Grab Abrahams vorbei kann man auf der anderen Seite Frauen mit Kopftuch und Männer mit Digicams sehen, die von der muslimischen Seite her das Grabmal beschauen.

Draußen kaufe ich mir eine Broschüre mit Stadtplan und lauf einfach mal drauf los. Aber so richtig schön ist das nicht. Die Straßen sind leer, es ist nichts los. Ungefähr 800 jüdische Siedler leben in diesem Teil der Stadt. Hebron ist unterteilt in H1 und H2. In H1 leben 120.000 Araber, in H2 nur 30.000 plus jüdische Siedler. Eine Straße mit arabischen Geschäften ist komplett leer, die Läden sind geschlossen. Ein Mann, der mir eine sehr günstige Führung anbieten will, erklärt mir, dass die Leute hier nicht mehr aufmachen dürfen, weil die Juden auf ihren Dächern sitzen. Die Führung nehme ich nicht an (weil das nicht meinem Charakter entspricht), doch was er über die Geschäfte gesagt hat, macht mich zuerst einmal ein bisschen nachdenklich. Aber dann denke ich mal drüber nach. Denn ich weiß, dass sich die Siedler nur in einem kleinen Teil der H2-Zone aufhalten dürfen. Und das sind genau 3 (drei) Prozent der ganzen Stadt (!). Wenn man das mal bedenkt, dann wird das Gewicht von den paar Läden genommen.


Aber ich wollte das Ganze mal relativ unparteiisch angehen dieses Mal. Deswegen bin ich nur drauflos gelaufen - so wie ich das immer mache - und habe geschaut. Zwei jüdische Mädels mit Kinderwagen kommen mir entgegen, einige Soldaten. Aber sonst ist nix los. Nur in den Seitengassen viel Betonmauern und Stacheldraht. Einige wichtige Gebäude (
Beit Hadassah,
Beit Romano) beinhalten Thoraschulen und Kindergärten, Wohnungen und rituelle Bäder. Die Siedler sind allesamt sehr religiös. Aber dieser jüdische Teil von Hebron erweckt einen sehr trostlosen Eindruck. Viele kaputte Häuser. Die Gegend ist zum Wohnen und Leben nicht sehr freundlich. Ein kleines Wohngebiet liegt immer noch zerstört da, seit 2007. Eine alte Tankstelle. Fenster und Türen in den Häusern sind mit Gittern extra geschützt, gegen Steine und andere eventuelle Wurfgeschossen.

Zur Geschichte des jüdischen Teils von Hebron: Juden haben hier schon ewig gelebt, weil Hebron als die Stadt der Patriarchen gilt (Abraham, Isaak, Jakob). Im Jahre 1929 gab es ein großes Massaker, bei dem die Araber 67 Juden massakriert haben. Dann gab es die verschiedenen Kriege, immer wieder Ausschreitungen. Frieden gab es bekanntlich nie. Die israelische Armee ist seither hier stationiert um die Siedler, die hier auch nicht wegwollen, vor arabischen Übergriffen zu schützen. Allerdings hat im Jahre 1994 auch ein jüdischer Arzt hier ein Blutbad angerichtet und 29 betende Muslime von hinten erschossen, eher er mit einem Feuerlöscher erschlagen wurde.
In Hebron gab es also seit jeher Streit um die heiligen Stätten, um die Stadt an sich und um jede einzelne Straße. Der jüdische Teil ist heute aber wie gesagt enorm klein im Vergleich zur restlichen Stadt.
Ich drehe so meine Runde und lasse ein paar Eindrücke auf mich wirken. Aber das jüdische Hebron ist sehr klein. Ein Soldat kontrolliert meinen Pass, ein anderer bricht sich beim Bergrunterlaufen fast das Genick. Ansonsten nicht viel los hier. Die Stimmung ist sehr komisch. Ruhig, fast idyllisch. Hat aber auch was von "Ruhe vor dem Sturm", wenn man es sich so einbilden will. Auch die Soldaten, die vor der Moschee/Synagoge stehen sind anders als die Soldaten die man aus Jerusalem kennt. Kleine arabische Jungen werden weggeschickt und vertrieben, weil sie in der Gegend rumscharwenzeln. Die Soldaten sind gereizt. Aber wen wundert es. Ein arabischer Junge schießt mit einer Spielzeugpistole (die wirklich Faschingsmunition geladen hat) auf den Soldaten. Es knallt ein paar Mal. Ganz seelenruhig macht er das. Er provoziert. Weil er genau weiß, dass der Soldat, der in 5 Metern Entfernung steht, ihm nichts tun darf. Dem bleibt nichts anderes übrig, als den Jungen und seine Freunde auf Hebräisch und Arabisch zu verfluchen... Das alles beobachte ich von meiner Bushaltestelle aus, als ich gerade auf den Bus zurück nach Jerusalem warte.



Alles in allem: Jetzt habe ich einmal ein kleines bisschen einen Eindruck bekommen von einer jüdischen Siedlung inmitten von arabischer Umgebung. Die jüdischen Siedler von Hebron sind speziell. Nationalreligiös, nicht orthodox, von Soldaten bewacht, versuchen sie ihr religiöses Leben zu leben. In anderen Sieldungen geht es um Wohnraum an sich, hier geht es um die Gräber der Patriarchen. Die Menschen in Hebron leben komplett abgekapselt und sind von ihren arabischen Nachbarn verhasst. Das ist aber nicht grundsätzlich in allen Siedlungen so. Die Menschen von Maale Adummim (eine Siedlung bei Jerusalem) haben ganz gute Beziehungen zu ihren arabischen Nachbarn, wie man so hört. In Hebron geht es aber um heilige Stätten. Und das ist immer ein sehr großer Streitpunkt im Nahostkonflikt. Im Endeffekt läuft dann immer alles auf die Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem hinaus...
