Sonntag, 27. Juni 2010

SINAI TRIP Teil 1: Jordanien

Vorhin bin ich aus dem Sinai heimgekommen, und ich habe gedacht ich muss gleich mal Bericht erstatten. Hier die ganze Geschichte.

Wir - Wiebke, Max und ich, sind am Donnerstagmorgen schon früh aufgebrochen. Spontan wollten wir uns am nächsten Tag in Dahab mit Jan treffen, einem anderen Volontär, der sich am Voratg noch angekündigt hatte. Nach langem Kampf und langer Planung haben wir endlich alle zur verabredeten Zeit freibekommen. Vier Tage Urlaub in Ägypten. Die Vorfreude war schon ziemlich groß.
Von Jerusalem aus haben wir den Bus nach Eilat ans Rote Meer genommen. Von dort wollten wir weiter nach Ägypten. Jetzt ist es aber ja so, dass junge Menschen heute relativ spontan sind und auch sein müssen. Kurz vor Eilat schau ich so aus dem Fenster raus auf die andere Seite des Tals. Da sagt der Max: "Das da drüben is Aqaba, nä?" Ich dachte mir nur so: "Hmm." Und irgendwie hatten wir dann alle den gleichen Gedanken. Wenn wir schonmal hier sind, dann schauen wir doch gleich auch mal bei den Jordaniern vorbei. Gesagt, getan. Statt an die ägyptische sind wir eben an die jordanische Grenze gefahren. Dort verabschiedete uns der israelische Staat mit einer Gebühr von umgerechnet 20 Euro, während auf der anderen Seite das strahlende Gesicht von Abdullah dem Soundsovielten ein "Herzlich Willkommen!" auf den Lippen hatte.
Unser Ziel war Petra. Das ist nicht etwa die deutsche Köchin von eben diesem Abdallah, sondern eine von den Nabatäern bebaute Schlucht irgendwo in Richtung Norden. Die wichtigste Touristenattraktion des Landes. Angeblich fahren dorthin preiswerte Busse. Wir haben die Variante mit dem Taxi genommen.

Petra hat sich wirklich gelohnt. Zwar zahlt man sich da - um Klartext zu reden - dumm und dämlich, aber man bekommt eine sowohl archäologische als auch geologische Faszination zu bieten, die man in Europa selten findet. Alte Grabstätten von Königen und bedeutenden PrivatpersonenIch habe ich da mal zwei, drei Bilder. Die Fakten zu Petra spare ich mir. Oder ich fasse sie kurz zusammen: Die Nabatäer haben Petra vor 2.200 Jahren gebaut. Reich wurden sie, weil sie die vorbeiziehenden Handelskarawanen mit Steuern belegt haben. Baustil beeinflusst von den Griechen, aber mit deutlicher nabatäischer Note - wie ein Prospekt sagt.



Die Übernachtung war - verglichen mit Taxi und Schlucht - preiswert. Außerdem war es sauber. Und eine jordanische Hochzeit konnten wir über den Balkon verfolgen.
Zwischenfazit: Von meinem Sinai-Geld war nichts mehr übrig. Aber es war okay. Der erste Teil unserer Reise war anders verlaufen als erwartet, aber es war schon jetzt eine unvergleichliche Zeit.

Am nächsten Morgen sollte es dann wirklich in Richtung Sinai gehen. Mit Bus und arabischer Musik ging es nach einem Frühstück mit Aussicht auf die Stadt wieder zurück nach Aqaba, von wo aus wir die Grenze überquerten. Zum Abschied grinsten wieder Vater und Sohn, Hussein und Abdullah.


Samstag, 19. Juni 2010

War wohl nix... :/

Gestern hat ja Deutschland gespielt... Wie wir alle wissen, ist das Spiel nicht so der Hammer gewesen. Wie das in Israel so ist, kann man auch auf Arbeit Fußball schauen. Das haben wir auch gemacht. Aber wie gesagt, ich habe mir eigentlich mehr versprochen. Von den über 90% Passgenauigkeit, die unsere Jungs im Spiel gegen Australien vorweisen konnten, war nicht viel zu sehen. Chance hatten wir ja ein paar. Am Abschluss fehlte es halt. Und die langen Bälle auf Özil haben auch gefehlt. Und der Schiri war ein .... okay, egal. Übertrieben viele gelbe Karten. Serbien hat jetzt ja auch nicht das Hammerspiel abgeliefert, aber die haben halt das Tor geschossen. Was soll man machen? Noch ist ja nicht aller Tage Abend. Der nächste Sieg (und zwar gegen Ghana) kommt bestimmt.

Ich jedenfalls habe jetzt eine stressige Arbeitswoche vor mir - zumindest bis Mittwoch. Denn nach dem Hauskreis oder vielleicht auch erst am Donnerstagmorgen geht's ins SINAI (Ägypten). Wow, nach über 10 Monaten am Stück in einem einzigen Land - das habe ich in Deutschland seit Jahren nicht geschafft - bekomme ich endlich einen Haufen Stempel in meinen Pass. Wahrscheinlich versteht ihr mich nicht, aber für mich gibt es nichts Erfüllenderes* als ein gefüllter Reisepass mit Stempeln drinne.
*(natürlich maßlos übertrieben)

Jedenfalls, ab Donnerstag hab ich FREI! Zu Beginn meines Jahres hier habe ich ja gedacht, ich könne alles in ein paar Wochen bevor ich heimfliege nachholen, was ich im Laufe des Jahres nicht gemacht/gesehen habe. Jetzt habe ich gemerkt, dass diese Rechnung nicht aufgeht. Aufgrund unserer Arbeitssituation und meinem um 2 Tage nach vorne verlegten Rückflug gehe ich davon aus, dass ich vor meinem Rückflu so um die 4 Tage Urlaub habe... Damit kann man nix anfangen, außer irgendwo am Strand zu liegen... Deswegen bin ich doch sehr sehr froh, dass ich wenigstens ins Sinai komme, und das schon nächste Woche :)

Donnerstag, 17. Juni 2010

Die Charedim protestieren

Heute war ich mit Sara wieder einmal zu Besuch bei Hilde, der Holocaustüberlebenden, die wir ab und zu sehen und ihre Briefe für sie beantworten. Sie wohnt in Pisgat Se'ev, einem Teil von Nordjerusalem, in Richtung Ramallah. Als wir dann zurück wollten, fuhr kein Bus. Auch unter den anderen Wartenden war die Verwunderung groß. Ein älterer Israeli hat uns dann angesprochen und wollte sich mit uns und einer Frau zusammen ein Taxi nehmen. Das haben wir dann auch gemacht. Für zehn Schekel pro Person in die Stadt. Ein super Angebot.
Wie dem auch sei, der Grund für die ausgefallenen Busse war folgender: In der Jerusalemer Innenstadt, in den Orthodoxenvierteln rund um die Yirmiyahu-Straße, gab es eine riesige Protestaktion der Charedim. Ich habe gerade bei der Jerusalem Post nachgeschaut. Es waren fünfzigtausend Leute. Das Taxi hat uns durch die kompletten Vorstädte gefahren. Da war alles voll von Orthodoxen, die auch zu der Demo gegangen sind. Viele Straßen waren gesperrt. Kurz gesagt: Es war ein unglaubliches Balagan. Irgendwann, in der Nähe der Central Bus Station, hat es mir dann gereicht. - Ich bin ausgestiegen und habe gedacht: Wenn ich schonmal meinen Fotoapparat dabei habe, dann muss ich mir daas doch mal ansehen.
Mit einem knallroten Hawaii Surf T-Shirt und in Sandalen habe ich mich unter jene Fünfzigtausend gemischt, die da protestiert haben. Neben mir gab es da noch etwa fünf Kameraleute und Fotografen. Ansonsten war ich unter tausenden schwarz-weiß gekleideten Orthodoxen alleine.

In Israel ist es Brauch, dass die Polizei bei Demonstrationen die Straßen mit quergestellten Reise- und Linienbussen blockieren lässt und so für den Verkehr sperrt. In einen dieser Busse bin ich dann irgendwie reingekommen und habe von da die perfekte Position gehabt, um Fotos zu schießen. Allerdings waren die Fenster dreckig, und die Fotos haben leider nicht Blog-Qualität erreicht. Die guten Bilder habe ich der Menge raus geschossen.

Die Gründe für die Proteste will ich unten erklären. Aber erst einmal sollt ihr ein paar Fotos sehen. - Das ist einer der Gründe, warum ich Israel so liebe: Immer gibt es irgendeine Gruppe, die Stress macht. Und dann genieße ich es regelrecht, mittendrin zu sein.






































































Die Gründe für die Proteste sind für mich auch noch nicht ganz schlüssig. So wie ich das verstanden habe - nach einiger Recherche im Internet - hat das Parlament ein Gesetz verabschiedet, wonach Charedim (ultraorthodoxe Juden, meist aus Osteuropa) ihre Kinder mit sefardischen Kindern (Sefardim = orthodox, sprechen aber kein Jiddisch. Spanischstämmige Juden aus Griechenland, Marokko, usw.) auf dieselbe Schule schicken müssen, wenn sich keine andere Möglichkeit bietet. Da haben die Charedim allerdings was dagegen. Denn ihre Tradition unterscheidet sich von der der Sefardim in einigen (kleineren) Punkten.
Wie dem auch sei: Charedische Eltern kommen ab jetzt zwei Wochen ins Gefängnis, wenn sie das neue Gesetz nicht befolgen und ihre Kinder nicht mit sefardischen Kindern auf dieselbe Schule gehen lassen wollen. Ob das eine Lösung ist...? Naja.

Das ist eines der Probleme der israelischen Gesellschaft - die wunderbare Vielfalt.
Die einen sind mehr religiös, die anderen weniger. Andere wiederum sind mehr oder weniger religiös. Wieder andere sind gar nicht religiös. Und dann gibt es die Charedim, die sind ultrareligiös. Da spricht ja nichts dagegen, das ist auch nicht negativ zu bewerten. Allerdings muss man folgendes beachten: Die Charedim zahlen keine Steuern. Die Charedim machen keinen Wehrdienst (den hier jeder macht). Sie erkennen - wenn man es genau nimmt - den Staat Israel nicht an, denn der entgültige Staat Israel wird vom Messias errichtet.

Der ältere Israeli aus dem Taxi hat uns das dann ganz knapp erklärt, in einem Satz: "They hate us." - "Sie hassen uns." Die Charedim würden sich für etwas Besseres halten. Der Mann kam aus Marokko. Er war der Meinung, dass sich der Konflikt wahrscheinlich erst durch das Kommen des Messias klären würde. Und dann würden die Charedim die ersten sein, die ihr Fett abbekommen.
Doch im Moment lässt sich da nix machen. Die Leute sind der Meinung, dass man die Orthodoxen eben demonstrieren lassen soll. Sie konnten heute nichts weiter tun, als laut zu hupen, wenn wieder eine Gruppe schwarzweiß gekleideter Männer bei Rot über eine Ampel lief.

Israel im Fußballfieber

Hallo liebe Leute :) Es hat jetzt ja bekanntlich vor einiger Zeit die Fußballweltmeisterschaft in Südafrika begonnen. Neben uns deutschen Volos, die die Spiele in Bars und bei Al-Jazeera-Übertragung im Johanniterhospiz verfolgen, ist auch ganz Israel im Fußballfieber. Zwar spielt Israel nicht mit bei der WM, doch das tut der Begeisterung keinen Abbruch. Im Gegenteil - die wiederholte Nicht-Teilnahme der israelischen Fußballmannschaft ermöglicht den Kommentatoren im Fernsehen eine unparteiischere Berichterstattung. Und die Fans sind trotzdem da.

Gerade vorgestern war ich das Spiel Brasilien-Nordkorea schauen, in der Stadt.l Da gibt es doch diese eine Straße, mit den vielen Bars. Die vielen Leinwände und Bildschirme ermöglichten ein Public Viewing. Die Stimmung war einmalig. Aber ich habe mit Erstaunen bemerkt, dass die Israelis allesamt fanatische Brasilien-Fans sind... Okay, unter den in Israel wohnhaften Ausländern findent sich wohl kaum ein Nordkoreaner. Aber das überhebliche Gejohle, das sich bei jedem Ballkontakt der brasilianischen Nationalmannschaft erhob, war etwas übertrieben. Außerdem musste ich fast lachen, als die Brasilianer zur Halbzeit noch kein Tor geschossen hatten. Und die Nordkoreaner machten einen gar nicht allzu schlechten Eindruck. Nun gut, ich will auch nicht wissen, was mit denen daheim in der kommunistischen Heimat passiert, wenn sie in der Vorrunde rausfliegen. Kim Jong Il, der Geliebte Führer, setzt seine Jungs bestimmt mächtig unter Druck... Naja. Ich hab mich mal einige Zeit lang mit Nordkorea beschäftigt, ehe ich mein Interesse vom Fernen auf den Nahen Osten verlegt habe. Nordkorea ist ein Thema für sich. Am besten man recherchiert einmal bei youtube.de und schaut sich die Videos an, die da mit versteckter Kamera gemacht wurden.
Ich jedenfalls hätte mir eine noch defensivere nordkoreanische Mannschaft vorgestellt und war deshalb angenehm überrascht, dass die dann doch noch ein Tor geschossen haben. Zwar war das erste Tor von Brasilien weltklasse - aus diesem Winkel kann man normal keine Tore schießen. Aber ein 2:1 ist bei den hohen Erwartungen, die man dem Favoriten Brasilien entgegenbringt, doch relativ mager...

Okay, hier dann noch ein sehr lausiges Foto, das nichtsdestotrotz beweist, dass ich da war. :)


Donnerstag, 10. Juni 2010

Seminar in Latrun

Am Mittwoch ging mein letztes Seminar in Israel zuende. Dieses Mal hat es in Latrun stattgefunden. Dort gab es mal eine Kreuzfahrerburg. Bis heute gibt es gegenüber der Jesusbruderschaft - der Location unseres Seminars - auch noch eine Panzergedenkstätte, wo es im Unabhängigkeistkrieg noch eine Festung gab, die von den Briten gebaut worden war und die die Jordanier dann 1948 eingenommen haben... Im Jahre 1967 kam Latrun dann an Israel. Die Straße, die heute von Tel Aviv nach Jerusalem führt, war im Unabhängigkeitskrieg (1948) stark umkämpft. Als sie im Kriegsverlauf unpassierbar geworden war, haben die Israelis die sogenannte Burma Road gebaut - eine provisorische Straße, die in nur 8 Wochen errichtet worden war. Ein ähnliches Projekt hatte (laut Wikipedia) ganze zwei Jahre gedauert. Da sollten sich die heutigen Israelis auch mal ein Vorbild dran nehmen, wenn es um den Bau der Straßenbahn in Jerusalem geht...

Vor dem Seminar hatten einige von uns noch das "Panzermuseum" besucht - eine Gedenkstätte der Panzerbrigade. Das ist natürlich für Armeefreaks und vor allem Männer etwas... viele schöne Panzer und Kanonenrohre... Ich hab natürlich auch gleich ein Poserfoto machen müssen...

Natürlich haben wir auf dem Seminar auch was gelernt. Zumindest gab es viele andächtige Momente. In der Jesusbruderschaft wird viel gebetet. Und gegessen wurde natürlich auch. Dann gab es noch ein Geländespiel (echt übel bei der Hitze und bei den vielen Abgründen in der Landschaft), nachdem wir die Ruinen des biblischen Emmaus besucht hatten. Dort hat uns Bruder Franz unseren Horizont erweitert und für den Papast argumentiert.

Das Seminar war wie gesagt auch unser letztes. Hmm, schon komisch. Wir sind im Abschlussgottesdienst verabschiedet worden, haben unser Zertifikat bekommen und unser Deutsch-hebräisches Psalmbüchlein, das auch schon unsere Vorgänger bekommen haben.
Es ist noch zu früh - ich hab ja noch zwei Monate, fast zumindest - um ein Abschlussfazit zu ziehen, aber ich muss hier schon sagen: Es war eine coole und echt bedeutende Zeit in meinem Leben, und ich werd es vermissen.

Schönses Wochenende, wünscht euch der Thorsten

Sonntag, 6. Juni 2010

Rundumaktualisierung der Lage

Irgendwie finde ich so langsam Gefallen an einer Rundumaktualisierung der politischen Lage des Nahen Ostens. Ich hoffe, ich langweile meine an Kultur und Natur interessierten Leser damit nicht zu sehr. Für euch zur Beruhigung: Es kommen auch wieder bessere Tage.

Mit der Zeit wird vielen Politikexperten klar, worum es bei der Sache mit der Free Gaza Flottille wirklich ging. Und da will ich mich heute nicht mehr so sehr auf die Innenpolitik der Hamas konzentrieren. Denn es tun sich ganz neue Vermutungen auf: Die Türkei entwickelt sich zu einem neuen Machtzentrum des Nahen Ostens.
Zum ersten Mal ist mir dies aufgefallen, als ich ein Interview der Basler Zeitung mit dem Schriftsteller Leon de Winter gelesen habe. Nach einigen Fragen, die sich mit Gaza, der Hamas und Israel beschäftigen, kommt der Journalist zur Frage "Was waren die wahren Hintergründe der Aktion [also, der Hilfsflotte]?" De Winter antwortet darauf folgendes:
"Die grosse Frage ist: Was wollte die Türkei mit dieser Flotte bezwecken? Ohne die Türkei wäre das Unterfangen nicht möglich gewesen. Vor zwei Wochen war die Konferenz, bei der sich der türkische Ministerpräsident Erdogan hervorragend mit dem iranischen Präsidenten Ahmedinejad verstand. Da konnte man erkennen: Hier bildet sich eine neue Achse zwischen Ankara und Teheran."
Weiter sagt er:
"Die Türkei kommt der Hamas zu Hilfe, um Macht zu demonstrieren. Die Hilfsflotte hat einen hohen symbolischen Charakter: Die Türkei ist das neue Zentrum der sunnitischen Welt geworden. Das ist eine schreckliche Erniedrigung für die anderen sunnitischen Länder, vor allem für Ägypten. Die herrschenden Klassen in Kairo haben seit Montag nicht mehr geschlafen, schliesslich ist die Hamas der grosse Feind Ägyptens. Die erstarkte Türkei in Kooperation mit dem Iran bedeutet eine gewaltige geopolitische Verschiebung, die auch für Saudi Arabien eine Bedrohung ist. Es ist eine gefährliche Situation entstanden. Um die armen Palästinenser geht es in Wirklichkeit nicht, im Gegenteil. Am Ende werden sie wieder die Opfer sein."
Im Verlauf des Interviews bezeichnet der niederländische Schriftsteller Leon de Winter seinen schwedischen Kollegen Henning Mankell und einige andere als "nützliche Idioten", die zu einem "Teil eines großen strategischen Spiels der Türkei und des Iran" geworden sind. Harte Worte. Aber irgendwie logisch.
Denn was in der Türkei gerade vorgeht:
Unter der konservativen Regierung von Ministerpräsident Erdoğan hat sich einiges geändert. Die sekuläre, von Kemal Atatürk gegründete Republik verwandelt sich nach und nach in einen islamistischen Gottesstaat. Die neue Freundschaft zum Iran, die Machtdemonstration in Nahost - bald benötigt die Türkei keine EU mehr. Denn wie Erdoğan schon in einem Interview im März sagte, strebt die Türkei ein neues osmanisches Reich an. Eine Renaissance des alten Reiches, mit Größe, Macht und Einfluss. Und der Iran ist der perfekte Verbündete. Bald im Besitz einer Atombombe und stets am Hetzen gegen Israel. Bis jetzt hatte die Türkei immer gute Verbindungen zu Israel. Handelsabkommen, zehntausende israelische Touristen - man verstand sich. Doch das wird sich jetzt wohl ändern bzw. hat sich schon geändert. Nur das Ergebnis ist noch nicht ganz absehbar...

Wie wir sehen, steckt viel mehr hinter der Gaza-Aktion als sich zunächst vermuten lässt. Und inwiefern betrifft uns das? Naja, tragen wir einmal zusammen, was wir alles haben:
Ein wichtiges Verhältnis zu Israel, sowohl historisch als auch wirtschaftlich und kulturell. Aber wir haben auch über 1,7 Million Türken in Deutschland sowie hunderttausende Deutsche, die einen türkischen Migrationshintergrund haben. Und wir haben bald ein Problem. (Zur Lösung dieses Problems habe ich mir schon viele Gedanken gemacht und schon viel dazu geschrieben, doch an die Öffentlichkeit ist davon erst wenig gelangt. Dazu schreibe ich ein andermal. Zu sagen bleibt im Moment nur: Wir müssen schauen, dass unsere Türken so schnell wie möglich Deutsche werden, gegebenenfalls mit Herz und Seele. Sonst haben wir - wie das jetzt zum Teil schon der Fall ist - eine Türkei-Lobby in der deutschen Gesellschaft. Und das ist nicht akzeptabel. Deshalb: Eine gute Integration ist der einzige Weg aus der Misere.)

Doch wir waren hier ja gerade noch beim Nahen Osten. Deswegen will ich noch ein paar Zeilen zu anderen politischen Themen beisteuern. Hier kommen wir nun wieder auf die Hamas zu sprechen. Mir ist beim Lesen von zahlreichen Berichten und Interviews im Internet aufgefallen, dass viele Menschen denken, dass die Hilfslieferungen in Gaza auf der Straße verteilt werden. Fakt ist aber:
Die Lieferungen (Holzkohle, Baumaterial, Bobbycars, Tomaten) werden von israelischen Lastern über die Grenze gefahren und gelangen dann in die Hand des Ministeriums für Versorgung. Und das ist ja bekanntlich in der Hand der Hamas-Regierung. Es ist keinesfalls der Fall, dass die Hamas die Hilfsgüter offen an alle Bedürftigen verteilt. Berichte erzählen davon, dass bei der Hamas zu allererst die eigenen Wähler versorgt werden. Fatah-Wähler haben keine Chance auf Beton für ein neues Haus.
Und generell leben Anhänger der Fatah in Gaza sehr gefährlich. Es kommt immer wieder zu Übergriffen und Morden. Nicht dass ich die Fatah unbedingt viel positiver beurteilen würde als die Hamas. Die Fatah, die ihren Sitz in Ramallah im Westjordanland hat und der auch Palästinenserpräsident Abbas angehört, erkennt Israel genauso sein Existenzrecht ab und ist genauso korrupt wie die Hamas. Doch mit der Fatah kann man Verhandlungen führen.

Zur Situation in Gaza will ich noch einmal den Journalisten der Basler Zeitung und Leon de Winter heranziehen. Der Reporter fragt nach den verheerenden Lebensumständen in Gaza. De Winter antwortet:
"In gewissen Vierteln von Kairo und anderen arabischen Städten sind die Lebensbedingungen ebenso schrecklich. Leider ist dies die normale arabische Armut, so schlimm dies klingen mag. Aber Gaza ist frei. Das ist doch ein schöner Traum für diese Menschen! Und wenn man mal aufhört, Raketen zu schiessen, sind auch die Grenzen wieder offen. Aber schon jetzt überqueren täglich Hunderte von Lastwagen die Grenzen mit Gütern. Es gibt keinen Mangel an Produkten in Gaza."
Okay, hier muss ich fairerweise noch etwas anderes anfügen: Es gibt allerdings auch keine Produktion in Gaza. Die israelische Regierung liefert zwar Lebensmittel, zerstört damit aber auch alle Chance der Einwohner von Gaza, selbst eine Industrie aufzubauen. Es wird derzeit sogar nur gemahlener Kaffee geliefert, weil das Mahlen von Kaffeebohnen ein Akt der Produktion wäre...

Okay, das war jetzt wieder ganz schön viel für heute... Insgesamt lässt sich noch sagen, dass die Stimmung in Israel gerade ein bisschen angespannt ist. Das hängt nicht unbedingt mit der Gaza-Sache zusammen, aber es gehen gewisse Gerüchte um. Genauer will ich mich hier nicht äußern, denn sonst lässt der Mossad möglicherweise noch meinen Blog sperren. Und das fände ich nicht so toll, eigentlich.

Deswegen verabschiede ich mich in einen neuen Arbeitstag - in Israel fängt die Woche am Sonntag an - und wünsche meinen Lesern einen guten Start in die neue Woche :)

Freitag, 4. Juni 2010

Es wird wieder ein bisschen ruhiger...

Vorgestern war ich in der Stadt und hab mich ein bisschen umgesehen. Aber es gab eigentlich wirklich nicht viel Neues. In der Altstadt wurde eine einsame Gruppe von Pilgern von einem Polizist und zwei hübschen Polizistinnen begleitet, während eine alte arabische Frau rumgekeift und geflucht hat. An einem Kleinbus und an einem Souvneir-Shop war eine türkische Flagge zu sehen. Aber das war's dann auch... Von politischer Stimmung nicht viel zu spüren, jedenfalls nicht zu dem Zeitpunkt als ich gerade da war.


In der Neustadt hat es dann einen Umzug gegeben mit vielen Israel-Flaggen und ein paar Traktoren. Für mich war nicht ganz schlüssig, ob sich das jetzt irgendwie auf die Vorkommnisse mit Gaza und so bezieht oder nicht. Jedenfalls alles patriotisch in blau-weiß.

Währenddessen beginnt sich die Welt zu beruhigen. Nur in der Türkei brodelt es noch ein bisschen... In Istanbul wurden gestern die Opfer der Kämpfe auf der Mavi Marmara beigesetzt. Begleitet wurde das Ganze von Demonstrationen. Laut n24 haben die Menschen skandiert "Wir sind alle Soldaten der Hamas!" Einige Israel-Fahnen wurden verbrannt. Aber okay - Istanbul hat 13 Millionen Einwohner. Da sind einige zehntausend Radikale nicht so alarmierend.
Nicht einmal eine Woche nach den Vorkommnissen ist in den Medien das Interesse schon allmählich am verschwinden. Die vielen Videos - sowohl der Armee als auch der Aktivisten - zeigen wohl zu deutlich, wer wirklich angefangen hat Leute mit Eistenstangen zu traktieren. Die Vorwürfe gegen Israel verlieren ihre Grundlagen. Die Öffentlichkeit beruhigt sich wieder.