Heute war ich in der Stadt. Nach einigen langen Arbeitstagen hab ich endlich drei Tage hintereinander frei (Ostern). Gestern ist mir dann aufgefallen, dass ja heute Karfreitag ist. Da muss sich doch die ganze Christenheit auf der Via Dolorosa tummeln, um den Weg Jesu nachzugehen. Viele machen das mit großen Holzkreuzen auf dem Rücken. Das ist zwar nicht ganz das, was man unter Nachfolge Christi versteht, aber es ist ein Anfang.
Ich habe mich ohne Holzkreuz auf den Weg gemacht. Nur mal gucken. Es war ja zu erwarten, dass da einiges los ist. Deswegen hab ich nur den Fotoapparat mitgenommen. Und wirklich: Die ganze Stadt, auch die Neustadt, ist voller Touristen. Und in der Altstadt erst... Endlich hört man wieder wildfremde Menschen deutsch miteinander sprechen. Viel Bayrisch ist da dabei, und man versteht nicht allzu viel. Dafür gibt es aber auch eine ungeahnte Menge an israelischen Touristen. Hebräisch versteht man ja so einigermaßen. Die Israelis sind auch alle mit Fotokamera unterwegs. Wenn einmal im Jahr die Touris verrücktspielen, dann muss man doch dabei sein. Sieht man ja nicht alle Tage.
Wie gesagt, es war ein unheimlicher Balagan (zu Deutsch: Tohuwabohu) auf den Straßen der Altstadt. Polizeisperren waren errichtet worden, um den Zug der Pilger und Touristen auf der Via Dolorosa zu schützen. Die Araber durften meistens nicht durch und mussten außenrum laufen. Aber auch die Touristen durften nicht überall hin. Und so habe ich mich dem Menschenstrom angeschlossen und bin einfach mal im Kreis gelaufen. Von hinten hab ich dann irgendwann so einen Klosterbruder in brauner Kutte sagen hören: "I'm directly behind you, Brother." Gut zu wissen. Wie beruhigend, dass auch er orientierungslos durch die Gegend irrte.
Schon gleich am Anfang war ich dann doch sehr erstaunt. Ich sah eine Gruppe von Menschen (mit einem großen, massiven Holzkreuz, auf mehrere Schultern verteilt) die Straße blockieren. Und zu meinem Erstaunen waren diese ersten Pilger, die ich heute gesehen habe, palästinensische Christen. Die haben auf Arabisch das Ave Maria gebetet. Assalamu aliki ya Mariam... Waren also vermutlich sogar katholische Araber aus der Altstadt. Hat mich bisschen beeindruckt. Sonst sind die arabischen Christen das ganze Jahr lang ja relativ passiv. Aber heute waren sie überall. Sogar die christlichen Pfadfinder sind durch die Straßen gezogen.
Um die Ereignisse zusammenzufassen: Ich bin mehr oder weniger ziellos immer den Menschenmassen gefolgt. Wenn es zu viel wurde, hab ich mir eine Seitengasse gesucht. Ich wollte mich zur Grabeskirche vorarbeiten, aber das war mir dann doch zu stressig. Von einer Prozession oder so hab ich nix gesehen. Die ganze Altstadt war eine einzige Prozession. Aber so ein richtiges "Osterfeeling"? Morgen liest man in Deutschland in den Zeitungen, wie Pilger und Touristen die Stimmung beschreiben. Dann sprechen irgendwelche Franzes oder Josefs aus Ober- oder Unterbayern von einer besonderen "Aura" oder einer "heiligen Atmosphäre". Ich finde es ja gut, wenn sich die halbe Welt nach Jerusalem aufmacht. Aber ich muss doch sagen - es gibt selten im Jahr einen Tag in den Vierteln der Jerusalemer Altstadt, an dem man die Nähe zu Jesus weniger spürt als an Ostern. So viel Trubel, so viel Durcheinander. Unglaublich, dass die Menschen da nicht die wahre Botschaft des Neuen Testaments vergessen...
Wie dem auch sei, eine interessante Sache ist mir noch aufgefallen. Ostern dürfte der einzige Tag sein, an dem man Araber und Juden gemeinsam an einer Polizeisperre stehen sieht, wo beide nicht durchkommen. Und alle zusammen schütteln sie die Köpfe, sind verwirrt, verfluchen die armen Ordnungshüter, die verzweifelt alle drei Minuten aufs Neue erklären müssen, dass man hier heute nicht durchkönne, weil gleich eine Horde Spanier und Nigerianer und Russen und Bayern die Straße hochgepilgert kommt. Aber in ein paar Tagen ist das sowieso vorbei. Da kann man dann wieder entspannt in die Kirche gehen, wo einen beim Gebet niemand sonst stört als einige singende Mönche.




Wie dem auch sei, eine interessante Sache ist mir noch aufgefallen. Ostern dürfte der einzige Tag sein, an dem man Araber und Juden gemeinsam an einer Polizeisperre stehen sieht, wo beide nicht durchkommen. Und alle zusammen schütteln sie die Köpfe, sind verwirrt, verfluchen die armen Ordnungshüter, die verzweifelt alle drei Minuten aufs Neue erklären müssen, dass man hier heute nicht durchkönne, weil gleich eine Horde Spanier und Nigerianer und Russen und Bayern die Straße hochgepilgert kommt. Aber in ein paar Tagen ist das sowieso vorbei. Da kann man dann wieder entspannt in die Kirche gehen, wo einen beim Gebet niemand sonst stört als einige singende Mönche.